Nachbetrachtung: "Kopenhagen ist eine herbe Enttäuschung"

Die 15. UN-Klimakonferenz in Kopenhagen ist seit Samstag, 19. Dezember 2009, zu Ende. Sie erfüllte die meisten Erwartungen nicht. Statt verbindlicher Reduktionsziele für den Ausstoß von Treibhausgasen und finanzieller Zusagen der Industrieländer gegenüber den Entwicklungsländern wurde nur ein Minimalkompromiss, der sogenannte „Copenhagen Accord“, erzielt. 

Auf den dreieinhalb Textseiten des Dokuments wird als Ziel festgelegt, dass die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen ist, konkrete Reduktionsziele für einzelne Staaten sind aber nicht festgehalten.

 

Geozon berichtete via Twitter über die wissenschaftlichen Hintergründe der Konferenz. Dabei stand die Vermittlung von frei zugänglichen Forschungspublikationen und Forschungsdaten im Vordergrund. Die Tweets, inklusive Links zu den Ressourcen, wurden archiviert und sind jetzt als PDF-Dokument erhältlich. Für die Bereitstellung Ihrer Informationen danken wir den an der Klimakonferenz beteiligten Forschern, Prof. Hans Joosten von der Universität Greifswald, Dr. Richard J.T. Klein vom Stockholmer Umweltinstitut, Dr. George V. Safonov von der staatlichen Universität in Moskau, Prof. Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Prof. Peter Byass vom Zentrum für Weltgesundheitsforschung in Umeå sowie Prof. Jürgen Scheffran, dem Leiter der Forschungsgruppe Klimawandel und Sicherheit (CLISEC) an der Universität Hamburg, mit dem wir folgendes Interview per E-Mail führten:

 

Welcher Teil Ihrer Forschung ist für die aktuelle Klimadebatte besonders relevant?

Unsere Forschungsgruppe zu Klimawandel und Sicherheit (CLISEC) im KlimaCampus der Universität Hamburg untersucht mögliche Sicherheitsrisiken und Konfliktpotenziale des Klimawandels und will Optionen und Strategien für Konfliktvermeidung und Kooperation aufzeigen. Zunehmend wird deutlich, dass die globale Erwärmung eine Gefahr für menschliche Sicherheit und gesellschaftliche Stabilität in vielen Teilen der Welt darstellt. Umweltbedingte Konflikte könnten zunehmen und gewaltsam ausgetragen werden. Es geht für die Menschheit um existenzielle Fragen, die besser durch internationale Zusammenarbeit zu bewältigen sind als durch den Kampf Aller gegen Alle. Bislang untergraben widerstreitende Interessen und politische Differenzen die Voraussetzungen für ein gemeinsames Vorgehen in der Klimapolitik, wie das weitgehende Scheitern des Gipfels in Kopenhagen zeigt. Letztlich geht es um das Verhältnis von Einzelinteressen und Gemeinschaftsinteressen. Diese Aspekte sollten stärker in den Blick der Forschung treten, und hier spielen die Sozialwissenschaften, insbesondere die Friedens- und Konfliktforschung, eine Schlüsselrolle.

 

Hatten Sie ein offizielles Mandat in Kopenhagen?

Ich war selbst nicht bei den Verhandlungen beteiligt, sondern für die Universität Hamburg als Beobachter dabei.


Welche konkreten Ergebnisse aus Ihrer Forschungsarbeit gehörten zu den Grundlagen der Debatte in Kopenhagen?

Durch zwei Vorträge über die Sicherheits- und Konfliktdimensionen in Kopenhagen konnte ich nur einen indirekten Beitrag zur Debatte leisten. Zwei Wochen vor der Konferenz haben wir in Hamburg eine internationale Konferenz über klimabedingte Konflikte durchgeführt, mit Teilnehmern aus etwa 25 Ländern. Verschiedene Medien haben im Umfeld von Kopenhagen über unsere Arbeit berichtet.

Wurden diese Ergebnisse bereits publiziert?

Im Kontext des CLISEC-Projekts wurden einige Arbeiten auf Tagungen, in Büchern und Zeitschriften veröffentlicht. Alles wird nach Möglichkeit auf unserer Website veröffentlicht, inklusive der genannten Konferenz über Klimakonflikte.


Stehen auch die Basisdaten Ihrer Forschung anderen Wissenschaftlern zur Verfügung?

Da wir erst im August 2009 voll mit der Arbeit begonnen haben, gibt es noch nicht hinreichende Daten, die verbreitet werden können. Es ist unser langfristiges Ziel, die Ergebnisse der wissenschaftlichen und breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.


Wie schätzen Sie das Ergebnis der Konferenz ein?

Der Weltklimagipfel ist den Erwartungen nicht gerecht geworden. Gemessen am Ziel, wirksame Schritte zum Klimaschutz zu ergreifen, ist Kopenhagen eine herbe Enttäuschung. Das in dem unverbindlichen Abschlussdokument festgelegte Ziel, die Temperaturänderung auf zwei Grad zu begrenzen und finanzielle Hilfen für betroffene Entwicklungsländer bereit zu stellen, ist zwar grundsätzlich zu begrüßen. Doch gibt es keine Festlegung, wie das Ziel erreicht werden soll und wer welche Verantwortlichkeiten übernimmt. Dies bleibt zukünftigen Verhandlungen überlassen, die unter Erfolgsdruck stehen, da das Klimaproblem keine großen Zeitverzögerungen zulässt. Der Klimawandel ist extrem ungerecht, er trifft besonders arme Länder und zukünftige Generationen, die keine Verantwortung dafür tragen und nichts dagegen tun können. Wenn das Weltklima in instabile Zustände umkippt, lässt sich das über Jahrhunderte nicht einfach umkehren. Daher müssen Entscheidungsträger sehr bald konkrete Schritte ergreifen, um die schlimmsten Auswüchse zu verhindern. Die Bevölkerung sollte aber nicht auf eine Einigung auf globaler Ebene warten, sondern durch eine selbstorganisierte Energie- und Klimapolitik von unten die Voraussetzungen für ein friedliche und nachhaltige Welt schaffen. Hierfür gibt es bereits genügend positive Beispiele.

 

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